Inkohärenzen produktiv nutzen. Negative Erfahrungen als Bildungsprozesse

Promotion Bildungsphilosophie und Philosophiedidaktik

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Thassilo Polcik, M.Ed

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Zur Person Publikationen und Vorträge

Lehre

Kohärenzförderndes Format

Die in diesen und den kommenden Semestern zu erprobenden Lehrformate sollen einen Raum für Kohärenzerfahrungen bieten. Dies ist so zu verstehen, dass den Lernenden Zusammenhänge des Wissens sowie Zusammenhänge zwischen grundsätzlichen Überlegungen über Bildung, ihren Fächern und ihrer Vermittlung aufgehen. Dabei soll einerseits reflektiert werden, was Bildungsprozesse grundsätzlich kennzeichnet, um daraus Konsequenzen für Bedingungen ihrer Ermöglichung wie ihrer Ver- oder Behinderung zu ziehen. Andererseits soll anhand konkreter Gegenstände der Philosophie (beispielsweise der Moralphilosophie Kants) gemeinsam erarbeitet werden, wie sich Wissen so aufbereiten und darstellen lässt, dass es möglichst adäquat und nicht verfälscht vermittelt werden kann.

Für das Fach Englisch sind in den kommenden Semestern Lehrveranstaltungen geplant, deren Fokus insbesondere auf der Bedeutung von Literatur für den Fremdsprachenerwerb liegt. Im Hintergrund steht die wissenschaftlich gut belegte Annahme, dass literarische Werke als authentische Sprachgebilde sich besonders eignen, um eine Sprache zusammenhängend und sinnerschließend zu erlernen. Der literarische Zugang zu einer Sprache verspricht nicht nur eine lebendige Erfahrung dieser, sondern führt ebenso zu einem tieferen Verständnis von Literatur. Dies gilt für schulische wie für akademische Bildung. Somit sind Kohärenzerfahrungen sowohl zwischen als auch innerhalb der Literaturwissenschaft und Fremdsprachendidaktik zu erwarten.

Lehrveranstaltungen

WiSe 2021/22: Fachunterricht und Schulbuchanalyse am Beispiel von Kants Grundlegung

Das Seminar richtet sich nicht nur an Studierende der Philosophie, sondern versteht sich als exemplarische Übung in der kritischen Lektüre von Schulbüchern für angehende Lehrkräfte aller geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit Kants Moralphilosophie als wichtiger allgemeinbildender Bestandteil moralischer und politischer Bildung von Lehrkräften gelten.

(De-)Professionalisierungsforschung zeigt, dass ohne ein fachlich fundiertes und reflektiertes Studium angehende Lehrkräfte stark dazu neigen, in der didaktischen Auswahl und Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien diejenigen Passagen aus einem Originaltext als irrelevant für Unterricht zu klassifizieren, die sie selbst nicht verstehen (vgl. Golus 2017; Althoff/Golus 2017). Dadurch entsteht aber die Gefahr, dass schon im Unterrichtsmaterial der Inhalt nur fragmentarisch und womöglich verzerrt dargestellt wird und dies so von vornherein das Gelingen guten Unterrichts verunmöglicht. Allgemein gilt hierüber hinaus, dass Lehrkräfte ohne eine tiefergehende Kenntnis der Materie ihrer Darstellung in Schulbüchern unmündig ausgeliefert sind – ist es doch im Schulalltag in aller Regel zu spät, um sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Dies wird dann besonders problematisch, wenn die Schulbücher selbst ihren Anteil an Originaltexten zugunsten von sogenannten Autorentexten (d. h. Texten der Herausgeber*innen von Schulbüchern) im Zuge der Kompetenzorientierung reduziert haben (Blesenkemper 2017), denn die dort präsentierte Interpretation kann nicht weiter überprüft werden.

Da Immanuel Kant gemeinhin als schwer verständlich gilt, trifft die skizzierte Problematik in besonderer Weise auf eine Unterrichtsreihe zum Vergleich von Utilitarismus und Pflichtethik zu, in der seine Moralphilosophie zurecht als paradigmatische deontologische Konzeption behandelt wird. Angesichts der antizipierten Verständnisschwierigkeiten auf Seiten der Lehrkräfte wie der Schüler*innen mag es daher kaum verwundern, dass beispielsweise in den Zugängen zur Philosophie dazu übergegangen wurde, mindestens so viele Seiten für Dilemmatadiskussionen nach dem immergleichen Schema ‚Konsequenzialismus versus Pflichtethik‘ aufzuwenden wie für die Darstellung der kantischen Position selbst. Solche Entwicklungen sind aber Ausdruck einer Entfachlichung des Philosophieunterrichts, durch die der Anspruch, in der gymnasialen Oberstufe Wissenschaftspropädeutik zu leisten (Stichwort: „allgemeine Hochschulreife“), unterlaufen wird.

Das Seminar verfolgt dagegen das Ziel eines mündigen Umgangs sowohl mit dem Originaltext als auch mit seinen Darstellungen in den derzeit gängigen Schulbüchern für das Fach Philosophie in der gymnasialen Oberstufe. Hierfür gliedert sich das Seminar in drei Phasen:

1. Close reading der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)

2. Kritische Analyse der Darstellung der Grundgedanken und Grundbegriffe Kants in gängigen Schulbüchern

3. Selbständige didaktische Aufbereitung und Anfertigung von Unterrichtsmaterialien zu Kant

SoSe 2021: Education and Belonging in a Hostile World // Bildung und Zugehörigkeit in einer feindlichen Welt

Die Veranstaltung steht im Kontext des Projekts „Kohärenz in der Lehrer*innenbildung“ (KoLBi) und thematisiert die Überschneidungen von englischer Literaturwissenschaft und Bildungstheorie/Bildungsphilosophie im Kontext professionalisierender Lehrer*innenbildung.

Das Seminar teilt sich in vier Phasen:

  1. Die absolut feindliche Welt unter Bedingungen totaler Herrschaft: In Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Artikel “Ideology and Terror“ (1953) werden einige Kernelemente Ihres Werks The Origins of Totalitarianism (1951) nachgezeichnet und analysiert. Hierbei steht vor allem das Verständnis einer Welt, die den Menschen, ihrer Lebensweise und ihren Lebensbedingungen gegenüber feindlich geworden ist und in eine Verlassenheit mündet, im Zentrum. Im Kontrast hierzu werden Fragen nach der Zwischenmenschlichkeit und Sozialität von Bildung aufgeworfen.
  2. Der Weltverlust in der Spätmoderne: In dieser Seminarphase wird Arendts Typologie menschlich-praktischer Tätigkeitsformen (arbeiten, herstellen, handeln) einleitend vorgestellt (vgl. The Human Condition, 1958) und mit Bezug auf ihren Text “Tradition in the Modern Age“ (1954) eingehender diskutiert. Es werden Fragen nach der Möglichkeit eines Gemeinsinns in einer entfremdeten Welt sowie der Bedeutung des ‚animal laborans‘ (Arbeitstier) für gegenwärtige Konzepte des Lernens und Lehrens in den Mittelpunkt gestellt.
  3. Bildung/Erziehung und (Un)Zugehörigkeit: In dieser Phase des Seminars werden das Konzept des Außenseitertums in Arendts Aufsatz “The Jew as Pariah: A Hidden Tradition” (1944) sowie ihre Überlegungen zu Generation und Krise in “Die Krise in der Erziehung” (1958) bildungstheoretisch analysiert. Hierbei wird die Bedeutung von (Un)Zugehörigkeit für Erziehungs-/Bildungsprozesse sowie bildungstheoretische Konsequenzen einer harschen Trennung von Pädagogik und Politik thematisiert.
  4. Philosophisch informierte Analyse von Last Ones Left Alive (2019): In der letzten Seminarphase liegt der Fokus auf der philosophisch informierten und literaturwissenschaftlichen Analyse des dystopischen Romans Last Ones Left Alive (2019) von Sarah Davis-Goff. Die zuvor herausgearbeiteten Arendtschen Konzepte werden exemplarisch anhand einiger Szenen des Romans veranschaulicht und weiterreichend problematisiert.

WiSe 2020/21: Kompetenz. Theorie und Praxis eines Schlüsselbegriffs der Schulbildung

Der ursprünglich aus der Wirtschaftspsychologie stammende Begriff der Kompetenz hat an den Schulen den der Bildung weitgehend abgelöst. Je nach Definition wird Kompetenz dabei so weit gefasst, dass sie nicht nur Wissen und kognitive Fähigkeiten umfassen soll, sondern auch einen konformen Willen, effektive Emotionsregulierung sowie erwünschtes Sozialverhalten. Nur wenn das Subjekt all dies empirisch wahrnehmbar realisiert, so die Annahme, lasse sich davon sprechen, dass es kompetent sei.

Im Seminar sollen Geschichte und Theorie dieses Konzepts nachvollzogen werden mit dem Ziel eines reflektierten Verhältnisses zu gegenwärtigen bildungspolitischen Entwicklungen. Im Fokus steht dabei auch die Gegenwart und praktische Umsetzung des Kompetenzkonzepts in Kernlehrplänen und Unterrichtsentwürfen. In letzteren wurden beispielsweise Lernziele durch sogenannte Stufen des Kompetenzaufbaus ersetzt. So ließe sich fragen, welche Konsequenzen dieser erst einmal terminologische Wandel für Bildung heute hat. Hierbei sollen die lehrerbildenden Fächer möglichst in der Breite und entsprechend der Fächer der Seminarteilnehmer*innen näher betrachtet werden.

Aufgrund der gegenwärtigen Studienbedingungen ist die Veranstaltung als Hybridseminar geplant. Der Ablauf ist in vier Phasen unterteilt:

  1. Phase: Lektüre und Diskussion einschlägiger Texte zu Geschichte, Theorie und Kritik des Kompetenzkonzepts;
  2. Phase: Eigenverantwortliche Arbeit in Kleingruppen zum Kompetenzkonzept in einzelnen Schulfächern (entsprechend der Fächer der Teilnehmer*innen);
  3. Phase: Präsentation und Diskussion der Referate zur Kompetenzorientierung in den Schulfächern;
  4. Phase: Textbasierte Abschlussdiskussion über den Sinn des Kompetenzbegriffs in Schule und Bildung.

Kohärenzerfahrungen sind im Seminar insofern zu erwarten, als es die Möglichkeit bietet, zu verstehen, was heute gemeinhin unter Bildung als „Kompetenz-Bildung“ verstanden wird. Dass es dabei zu Erfahrungen der Inkohärenz zwischen einem als vernünftig erkannten emphatischen Bildungsanspruch und der vorherrschenden, insbesondere auf Flexibilität und Konformität zielenden Gestalt von Bildung heute kommen kann, ist dabei selbst als bildende Erfahrung zu verstehen, insofern Reflexionen über sonst oft in der Lehrerbildung nicht weiter hinterfragte Voraussetzungen angestoßen werden.

Promotionsprojekt

Titel: Die Negativität der Erfahrung in Bildungsprozessen. Kritische Reflexionen zu philosophischer Bildung und Philosophiedidaktik

Abstract: In meinem Promotionsprojekt möchte ich einen bildungsphilosophischen Begriff von Erfahrung in Auseinandersetzung mit paradigmatischen bildungstheoretischen Konzeptionen entwickeln. Das so gewonnene begriffliche Verständnis von Erfahrung möchte ich empirisch anhand qualitativer Interviews mit Schüler*innen und (angehenden) Lehrkräften, die einer subjektiv besonders einschneidenden Erfahrung mit Philosophie nachgehen, überprüfen und weiter spezifizieren. Die didaktischen Implikationen der theoretischen und empirischen Ergebnisse zur Spezifik philosophischer Erfahrung möchte ich sodann für den Philosophieunterricht explizieren.

Kohärenzerfahrungen in Lernprozessen werden in der Projektskizze für KoLBi als ein zentrales Ziel lehrerbildender Forschung und Lehre ausgewiesen. Allgemein lässt sich davon sprechen, dass Erfahrung zunehmend zu „einer wichtigen Bildungskategorie“ (Erpenbeck) wird. Dass Erfahrung lerntheoretisch als ein negatives Geschehen im Bildungssubjekt (Gelhard) zu verstehen ist, möchte ich durch eine bildungsphilosophische Lektüre der Phänomenologie des Geistes Hegels und der Weiterführung des hegelschen Erfahrungsbegriffs als unreglementierte Erfahrung in Adornos negativer Dialektik entwickeln. Erfahrung im Sinne dieser Theorietradition lässt sich dann nicht nur als Dazulernen, sondern immer auch als Umlernen, d.h. als konfliktgeladener Wechsel von Perspektiven verstehen. Hier besteht eine wichtige Verbindungslinie zwischen phänomenologischer Pädagogik (Buck, Meyer-Drawe) und kritischer Bildungstheorie, deren systematische Ausarbeitung in der Bildungsphilosophie noch aussteht.

Diesen Erfahrungsbegriff möchte ich mit pragmatistischen bildungstheoretischen Entwürfen, die an Dewey anknüpfen, sowie der in der Schulbildung besonders einflussreichen Kompetenztheorie vergleichen, weil sie einen positiven, auf Problemlösung ausgerichteten Erfahrungsbegriff gemein haben. Hierdurch soll der negative Erfahrungsbegriff in gegenwärtigen pädagogischen Diskursen weiter bewährt werden.

Im philosophiedidaktischen Teil meines Projekts möchte ich erstens die systematische Bedeutung der Geschichte der Philosophie als Geschichte des Denkens für eine solche Erfahrungskonzeption betonen. Hierdurch wird wiederum die Lektüre paradigmatischer Texte im Schulunterricht aufgewertet. Zweitens möchte ich Modelle der Unterrichtsphasierung (insbesondere Rolf Sistermanns sog. „Bonbonmodell“) dahingehend untersuchen, inwiefern sie Raum für Kohärenzerfahrungen schaffen oder diesen auch versperren können.

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